There is a crack, a crack in everything
That's how the light gets in
Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt durch den das Licht hereinkommt
aus Anthem von
Leonard Cohen

In einer Lehrstunde an der Landbauschule Dottenfelderhof, die auf Youtube anzusehen ist, beschreibt der Obstbauer Albrecht Denneler die Frucht des Apfels – botanisch exakt – als süß gewordenes Holz und den Baum, an dem der Apfel wächst, als ausgestülpte Erde.
Hinter dieser „Versüßung“ steht die Kulturtat der Veredelung, durch die die Früchte der Bäume dem Menschen nicht nur Nahrung, sondern auch Genuss bieten. Auf einem mittelalterlichen Bild, dem Frankfurter Paradiesgärtlein – ein Lieblingsbild von Albrecht –, ist in einem idyllischen Garten, einem so genannten Hortus conclusus der Maria, ein abgeschnittenes Stämmchen zu sehen, dem aus einem Wulst zwei frisch gepfropfte Triebe entwachsen. Daneben sitzt ein Teufelchen und liegt ein kleiner toter Drache im Gras.
Wir sitzen im Atelier-Häuschen an der Nidda. Albrecht schildert den Vorgang des Veredelns so: „Durch das Abschneiden des Stammes, der als Unterlage (Wurzel) dienen soll, bringe ich eigentlich den Tod in den Baum. Und jetzt mache ich mit einem Messer oder Beil einen Spalt rein, also einen künstlichen Riss, der die Reiser der gewünschten Sorte aufnehmen kann. So kommt für einen Moment Licht in das Holz«: Der Tod als Kunstgriff, viel Leben zu haben …
Der Bildhauer, der Albrecht inzwischen auch geworden ist, arbeitet mit totem Holz. Er befühlt und befragt es nach seinem Potenzial und sucht dieses freizulegen – um eine andere Art von Süße in das Holz zu bringen? Um es zu veredeln? – Joseph Beuys sagt von den Bäumen, dass, wenn der Wind durch ihre Kronen geht, sie die Leiden (und sicherlich auch Freuden) der Menschen herauskämmen und in ihre Substanz aufnehmen …
„Bei den einheimischen Hölzern haben wir nur dezente Farben. In den Bereichen, die verfault oder, ich sage mal, morbide sind, können sie aber stärker sein. Und interessanterweise, ich arbeite ja viel mit der Kettensäge: Wenn ich mit dieser in solche Bereiche eintauche und mit meinem Bewusstsein ganz vorne an der Sägespitze bin, dann entdecke ich die Farbe genau an dem frisch geschnittenen Holz. Bei der Zwetschge geht sie ins Violett oder Blau, wird später aber wieder etwas matter. Auch die Weide ist in ihrer morbiden Farbigkeit ganz erstaunlich: Da kommt richtiges Rosa ans Licht.“
Die Kettensäge, Albrechts wichtigstes Werkzeug als Künstler, hat heute ihr martialisches Ambiente verloren; sie ist leicht und leise geworden und dadurch auch einfach zu handhaben. „Also, das ist ein gutes Werkzeug! Ich schätze es vor allem, weil es eine Oberfläche schafft, die charakterbildend ist und so die die Aussagen verstärkt. Der raue Schnitt zeigt mir, dass es hier um ein Lebensprozess geht. Beim Schleifen neigt die Fläche leicht dazu, tot zu werden. Also da muss man aufpassen, dass man eben ein Objekt, das aus sich heraus charaktervoll ist, nicht meint gefällig machen zu müssen. Es ist ja auch gerade der alte Mensch, der Falten hat, der markantere, der echter wirkende. Und diese Echtheit der gröberen Oberfläche, wenn die Spannung in der Fläche stimmt, das ist das Entscheidende. Oft ist es die raue Oberfläche, die uns Charakter, Ehrlichkeit oder Würde beschreibt.“
Gefragt, woher sein künstlerisches Interesse komme, meint Albrecht, er habe ja schon als Landwirt „mit Rotkraut und Weißkraut Farben in die Landschaft gemalt. Ich habe Bäume erzogen, damit sie eine bestimmte Form bekommen, eine offene oder geschlossenere Krone. Dieser Umgang mit dem Lebendigen ist, sag ich mal, die Kunstbetätigung des Landwirtes. Das muss jetzt nicht per se eine Skulptur sein.“ Er begleitet den Prozess vom wachsenden zum adulten Baum, dann zum senilen, den er fällen muss. Und auch dem gefällten Baum zollt er noch seine Wertschätzung, „weil ich ihn über die Kunst wieder reinholen kann und fragen: Was ist dein Potenzial? Das ist meine Ansprache der Pflanzen.“
Der konkrete Anlass, sich zum Künstler zu bilden, hatte für Albrecht wieder mit einem Riss zu tun: die Erfahrung, im fortgeschrittenen Alter mit gefährlich hohem Blutdruck zwei mal als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Anschließend, in der Reha, als es darum ging, ob er noch eine Woche bleiben soll, erzählte er dem Arzt, er hätte gerade noch ein Stück Holz gekauft, eine Ulme. „Und das ist ja so was Merkuriales, da würde ich jetzt gern schnitzen. Ob er mir denn auch raten könnte, dies zu tun anstatt der Therapien bei ihm. Da sagt er, ja, ich glaube, das hört sich ganz gesund an.“ In diesem Zusammenhang wurde für Albrecht auch der Vers von Leonard Cohen wichtig: „Da ist ein Riss, ein Riss in allem / Das ist der Spalt durch den das Licht hereinkommt.“
Tatsächlich hat Albrecht sich dann an dieses Ulmenholz herangemacht. Wir schauen uns das rhythmisch bewegte, eine durchlässige Hülle um einen Freiraum bildende Werk aus dem Jahr 2021 gemeinsam an: „Also, was hat das Merkuriale mit dem Christus eigentlich zu tun? Das war natürlich auch eine Frage im Hintergrund. Und da habe ich mich getraut. Alles geht rhythmisch von statten, ein bisschen hoch und tief und so. Da ist etwas ausgebrochen; ich hätt’s verwerfen können – oder sagen: Nein; jetzt überhöhe ich es noch einmal. Jetzt nehme ich hier ein Element rein, das für diese tanzende Bewegung drumherum, die ja diesen Trichter bildet, eigentlich den Zusammenhalt schafft.“
So geht es also um einen doppelten Riss – in der eigenen Biografie und auch im Holz. Da wirkt die künstlerische Tätigkeit heilend. Dies zeigt sich mir auch in einer Skulptur aus Birkenholz „Ich in mir“ (2025): Sie ist von verschiedenen Einschnitten gezeichnet. In der zentralen Kerbe sitzt eine kupfern eingefärbte länglich-schwellende Form – wie ein Same, der keimen will. Birke und Kupfer sind beide dem Planeten Venus zugeordnet. Solche Beziehungen zwischen Himmelskörpern und Substanzen beschäftigen Albrecht schon lange und immer wieder neu. Ihre Beachtung spielt ja auch in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft eine zentrale Rolle.
Ein wiederkehrendes Motiv von Albrecht ist das Möbiusband: Hervorgehend aus einem zentralen Durchbruch vollzieht dieses Band einen kontinuierlichen Wandel zwischen innen und außen, wie eine harmonisch Acht. So vereinigt es in sich ein aufbrechendes und ein verbindendes Moment. Wenn es geschliffen ist, tut es gut, dem Wandel mit der dem Band folgenden Hand nachspüren.
Einmal im Jahr stellt Albrecht seine künstlerische „Ernte“ im Café des Dottenfelderhofes aus, sie jeweils unter einem Thema zusammenfassend, zum Beispiel „7 Holzarten – 7 Planetenkräfte“, „Ikarus & anderes Geflügel“ oder, 2025, „Grüne Schlange“. Diese letzte Ausstellung zusammen mit Kollegen aus der Künstlervereinigung „Holzsekte“, die sich um die Schorndorfer Künstlerin EBBA (sie schreibt sich groß!) Kaynack gebildet hat, war dem Motiv der Verwandlung anhand von Goethes Märchen gewidmet. Die Grüne Schlange windet sich durch die Klüfte der Erde, kostet von dem abgeschüttelten Gold der Irrlichter und beginnt nun von innen her zu leuchten. Schließlich hilft sie durch ihr Opfer, den trennenden Strom zwischen irdischer und himmlischer Welt zu überwinden. – Die Überwindung des Trennenden zeigt sich auch in Werken wie der Zwillingsfigur „Leichte III“ und „Charon in der Barke“ (beide 2024).
Auch die Landwirtschaft reißt von Beginn an etwas auf – den Boden mit der Hacke: „Und es entstehen die Getreidearten. Diese anfangs noch göttlich-geistig geführte Risstätigkeit ermöglichte der Erde, ihre große Fruchtbarkeit zu zeigen. Also der scheinbar störende oder gar zerstörende Riss bringt doch viel Fruchtbarkeit.“ Heute hat dieses Aufreißen der Erde ein solches Ausmaß angenommen, dass aktiv Heilungsprozesse veranlagt werden müssen.
Am Dottenfelderhof ist dem Obstbau auch die Landschaftgestaltung und -pflege angegliedert. „Wir versuchen den Hoforganismus in seiner Gänze mit einem Adernsystem von Hecken und Baumpflanzungen zu durchdringen oder zu verbinden, die den Zusammenhalt schaffen. Das einzelne Feld trägt Getreide oder Hackfrucht für Mensch und Tier. Aber der Zusammenhalt entsteht eigentlich aus der Landschaft. Und den bilden wir durch Heckenzüge, die den ganzen Betrieb strukturieren und beseelen.“
Das ist nicht ohne Unterstützung von außen zu leisten: „Da sind wir auf Zuwendungen beim Einkauf der Bäume und aktive Mitarbeit angewiesen, was mit dem Verlag von Info3 und dem Hof Niederursel als Partner auch gut gelingt. Das ist ja vor allem eine sehr freudige Arbeit! Wir ernten nicht nur, sondern fügen der Landschaft auch ein belebendes Element hinzu, etwas, das integriert und auch sozial verbindet.“
Ich frage Albrecht, wie es ist, einerseits das Holz künstlerisch zu bearbeiten, andererseits Bäume zu pflegen und zu veredeln. Sind das für Dich zwei verschiedene Dinge?
„Nein, das ist der gleiche Strom. Eine ältere Kollegin, die mich mal beim Bäumeschneiden gesehen hat, hatte den Eindruck, ich mache die Bäume kaputt, weil ich da Äste abschneide. Ja, wenn man nur auf das physische Abschneiden guckt, dann ist ja immer auch Abfall dabei – wie beim Bildhauern. Als Obstbauer gucke ich aber auf die werdende ätherische Gestalt des Baumes, also darauf, was sich im Laufe des Jahres wieder erneuern wird. Und damit habe ich, auch wenn ich etwas abschneide, eigentlich nie dieses Verlusterlebnis, sondern ich bin schon im Zukünftigen – bei dem, was werden wird.
Wenn es gut geht, dann habe ich ein Bild davon, wie dieses Zukünftige im Lauf des Jahres erscheinen wird. Und ich kann das ein bisschen steuern. Ich kann stärker eingreifen, wenn ich vitalisieren möchte. Oder ich habe etwas zu Vitales vor mir, dann beruhige ich es mit meinen Maßnahmen. – Beim Holzbildhauern ist es ja ausschließlich ein Wegnehmen, aber auch nicht im Sinne von Verlust, sondern um etwas von dem in Erscheinung zu bringen, was schon drinsteckt. Das ist eigentlich der gleiche Vorgang. Und wenn die Kunst gelingt, dann zeigt sich ebenfalls eine Wirksamkeit, eine ins Seelisch-Astralische wirkende Geste.“
Wir haben inzwischen über den Haselnuss-Hain, für Albrecht „ein unschuldig-kindlicher Ort“, die eigentliche Obstplantage erreicht. Heute, am 1. März, können wir schon die ersten Blüten an einer Mandel sehen. Die eigentliche Obstblüte entfaltet sich erst ab Ende März bei den Frühblühern wie Pfirsich und bei Apfel und Birne im April.
Ich frage, was es für den Baum bedeutet, so als Spalier in Reih und Glied stehend erzogen zu werden. „Das hat schon seine eigene Qualität. Da hat die ganze Reihe so etwas von einem schönen, einzeln stehenden und ausladenden Baum auf der Streuobstwiese. Dafür bin ich Obstbauer und möchte dann auch mal eine ganze Reihe bewirtschaften und mehrere Kisten voll ernten.“ Die Bäume sind also erziehbar, und dabei auf den Menschen angewiesen.
Auf dem Dottenfelderhof besteht die Plantage aus drei Elementen: „Wir haben den Baum, den ich als Obstbauer bewirtschafte. Wir haben unter dem Baum hier offenen oder mit Gründung eingesäten Boden. Ich würde das mal Ackerbau nennen. Und wir haben hier einen Streifen, den wir als Grünland bewirtschaften. Den Aufwuchs kehren wir als Mulch unter die Bäume. Dabei mähen wir nie die gesamte Fläche auf einmal, sondern lassen immer einen Teil wachsen und blühen. So bekommen wir eine höhere Diversität. Durch die Bearbeitung des Bodens hat der Baum wenig Konkurrenz, oder wir haben eine gezielte Gründüngung mit Leguminosen, die dann bis Mitte Mai in die Bäume hochranken. Das ist sehr schön, und das Motiv dabei ist eigentlich, dass wir mit diesen drei Kulturbereichen eine Heimat für die Bienen und andere Insekten schaffen, die uns für die Befruchtung ja sehr wichtig sind. Teilweise lassen wir hier auch Schafe weiden.“
Natürlich spielen auch die Vögel eine wichtige Rolle: „Wir haben sehr viele Vogelhäuschen hier drin, und auch in den höheren Bäumen entstehen Habitate. Die Vögel verteilen die Astralität – nicht nur innerhalb der Obstanlage, sondern auch weiter im ganzen Betrieb.“
So verweben sich durch den Menschen Albrecht Denneler verschiedene Künste zu einer vielfältigen, Natur und Kultur verbindenden Einheit.
Stephan Stockmar